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Zurück aus dem Urlaub aber nicht wirklich erholt?

Warum der Kopf oft nicht mitkommt, wenn wir „richtig" abschalten wollen und was das mit der unsichtbaren Last der Verantwortung zu tun hat. 



Der Sommerurlaub ist vorbei. Vielleicht bist du gerade erst zurück am Schreibtisch, vielleicht schon seit ein oder zwei Wochen. Und von der Erholung, auf die du dich so gefreut hast, ist erstaunlich wenig übrig geblieben. 


Dabei sollte der Urlaub doch genau das bringen: raus aus dem Alltag, Abstand gewinnen, den Kopf frei bekommen. Vielleicht war das sogar der Gedanke, der dich durch die anstrengenden Wochen davor getragen hat: Bald ist Urlaub. Dann kann ich endlich abschalten. 


Nur: Hat das wirklich funktioniert? 


Vielleicht lagst du am Strand, und plötzlich war sie wieder da, die Deadline kurz nach deiner Rückkehr. Beim Abendessen fiel dir das schwierige Gespräch mit einer Mitarbeiterin ein. Oder du hast dich gefragt, ob im Team wirklich alles läuft, obwohl du dir fest vorgenommen hattest, nicht an die Arbeit zu denken.


Der Laptop war zu. Du warst nicht im Büro. Aber die Arbeit war trotzdem nicht ganz weg. 


Urlaub ist nicht automatisch Erholung


Dass Erholung nicht automatisch dann gelingt, wenn wir sie am dringendsten brauchen, zeigt die Forschung der Arbeits- und Erholungsforscherin Sabine Sonnentag. Ihr Befund, inzwischen gut belegt:


Menschen, die durch hohe Arbeitsbelastung besonders dringend Erholung brauchen, haben es oft am schwersten, tatsächlich abzuschalten.

Mit steigender Belastung wächst zwar das Bedürfnis nach Erholung, gleichzeitig sinkt aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie gelingt. Sonnentag nennt das das Erholungsparadoxon


Das widerspricht einer Vorstellung, die viele von uns in sich tragen: Wenn es gerade viel ist, halte ich noch etwas durch. Die ruhigere Phase kommt bestimmt, das Wochenende, der Urlaub. Nur: Genau dann, wenn wir sie am nötigsten hätten, gelingt uns die Erholung besonders selten. 


Vielleicht hast du längst gespürt, dass die Arbeitsbelastung zu hoch ist. Vielleicht hast du deshalb schon vor dem Urlaub gehandelt: stärker priorisiert, Aufgaben abgegeben, Verantwortung im Team verteilt. Vor allem hast du wahrscheinlich eines getan: delegiert. 


Und trotzdem stellt sich die erhoffte Entlastung nicht immer ein. 

Woran liegt das eigentlich, wenn die Aufgabe offiziell doch gar nicht mehr bei dir liegt? 


Mental Load: Die unsichtbare Hälfte einer Aufgabe 


Eine mögliche Antwort darauf findet sich in einem anderen Kontext: zuhause. Dort hat das, was hier beschrieben wird, längst einen eigenen Namen: Mental Load. Der Begriff beschreibt im Kern etwas Einfaches:


Jede Aufgabe hat eine sichtbare Seite, das was getan wird, und eine unsichtbare Seite, das Vorausdenken, Erinnern und Kontrollieren.

Ein typisches Beispiel aus dem Alltag ist das Ein- und Ausräumen der Spülmaschine. Die sichtbare Aufgabe ist klar: Geschirr einräumen, Maschine anschalten, sauberes Geschirr wieder ausräumen. Die unsichtbare Aufgabe ist alles andere: merken, wann die Maschine voll genug ist, wissen, welches Geschirr nicht hinein darf, und im Blick behalten, ob Tabs, Klarspüler oder Salz nachgekauft werden müssen.


Der Begriff Mental Load ist vor allem aus dem privaten Kontext bekannt. Dabei haben auch im Führungskontext viele Aufgaben eine sichtbare und eine unsichtbare Seite.

Ein Beispiel: das Onboarding einer neuen Mitarbeiterin. Sichtbar ist das Begrüßungsgespräch am ersten Tag, der unterschriebene Arbeitsvertrag. Unsichtbar ist alles, was das ermöglicht: drei Wochen vorher prüfen, ob Laptop, Zugänge und Headset bereitstehen. Einen groben Fahrplan für die ersten vier Wochen entwerfen, wer erklärt welches Tool, wann finden erste Kennenlerngespräche statt. Dem Team Bescheid geben, wer wann anfängt, und die Mittagspause für den ersten Tag mitdenken. 


Es gibt also einen sichtbaren Teil einer Aufgabe und einen unsichtbaren. Beim Delegieren wird dieser unsichtbare Teil jedoch oft nicht bewusst mitgedacht. Genau darin liegt vielleicht ein Teil der Antwort, warum das Abgeben von Verantwortung oft nicht die gewünschte Entlastung bringt. 


Delegieren: Wann ist Verantwortung wirklich abgegeben? 


Wirklich abgegeben ist eine Aufgabe erst, wenn beide Hälften mitwandern, nicht nur die sichtbare Ausführung, sondern auch das Vorausdenken, Erinnern und Kontrollieren dahinter. Genau das ist beim Delegieren oft die eigentliche Herausforderung, und zwar auf zwei Seiten zugleich. 


Die eine Seite bedeutet, selbst loszulassen. Nicht mehr ständig zu kontrollieren, zu erinnern, mitzudenken, und auszuhalten, dass die andere Person es anders macht als du. Beim Onboarding zeigt sich das etwa daran, nicht mehr nachzukontrollieren, ob der Laptop schon bestellt wurde, oder nicht mehr selbst daran zu denken, die Kolleg:innen über das gemeinsame Mittagessen zu informieren. Beim Spülmaschine-Einräumen zeigt sich das daran, nicht mehr zu überprüfen, wie viele Geschirrspültabs noch da sind, oder auszuhalten, dass plötzlich alles nach einem anderen System einsortiert wird. 


Die andere Seite bedeutet, sich nicht durch die Hintertür wieder ins Mitdenken holen zu lassen. Zum Beispiel beim Onboarding, wenn nachgefragt wird, an welchem Tag der neue Kollege die Einführung in Tool X machen soll, oder wo das geplante Mittagessen stattfinden soll. Typisch für unser Spülmaschinen-Beispiel sind Fragen wie: Haben wir eigentlich noch Klarspüler? Lohnt es sich schon, die Maschine anzustellen? Dinge, die selbstständig nachgeschaut, mitgedacht und entschieden werden können.

Jede solche Frage holt ein Stück der Denkarbeit zurück zu dir. 


Die wichtige Frage beim Delegieren ist deshalb vielleicht nicht nur: Wer erledigt den sichtbaren Anteil der Aufgabe? Sondern auch: Wer trägt sie gedanklich mit? 

Und was hat das jetzt mit deinem Urlaub zu tun? 


Wenn eine Aufgabe zwar delegiert ist, das Vorausdenken, Erinnern und Kontrollieren aber noch von dir übernommen wird, ist sie mental nicht wirklich abgegeben.


Das würde erklären, warum die sichtbare Aufgabenliste zwar kürzer wird, sich aber keine spürbare Entlastung einstellt. Denn im Kopf trägst du den unsichtbaren Teil der Verantwortung weiter mit, wahrscheinlich nicht nur während der Arbeit, sondern auch im Feierabend, am Wochenende, im Urlaub. 


Gleichzeitig wissen wir aus der Erholungsforschung, dass das mentale Abschalten von der Arbeit, in der Forschung als Psychological Detachment bezeichnet, eine wichtige Erholungserfahrung darstellt (Sonnentag & Fritz, 2007, 2015). Du kannst am Wochenende unterwegs sein und plötzlich wieder über das Projekt nachdenken. Und du kannst hunderte Kilometer vom Büro entfernt sein und dich trotzdem fragen, ob dort gerade alles läuft. 


Somit stellt sich die Frage: Versuchen wir im Urlaub vielleicht etwas loszulassen, was wir im Alltag nie wirklich abgegeben haben? 

„Dann muss ich eben besser loslassen" 


Vielleicht ist das gerade dein erster Gedanke. Und ja, es lohnt sich, bei dir selbst anzufangen. Aber wenn die Antwort nur lautet „Ich muss besser loslassen", machen wir daraus schnell wieder eine rein individuelle Aufgabe. 


Denn Verantwortung findet nicht nur im eigenen Kopf statt. Sie wird in Teams übernommen, oder eben nicht. Und sie wird durch Strukturen ermöglicht, oder immer wieder zu einzelnen Personen zurückgespielt. Deshalb lohnt sich bei der Frage „Wie lässt sich die unsichtbare Last der Verantwortung reduzieren?“ der Blick auf drei Ebenen.


ICH – Welche Aufgabe halte ich selbst fest, obwohl ich sie eigentlich abgeben könnte? Was brauche ich, um den unsichtbaren Teil von Verantwortung abgeben zu können? Was befürchte ich, wenn ich ein Thema nicht mehr im Blick behalte? 

WIR – Wie kommuniziere ich den sichtbaren und unsichtbaren Teil der Verantwortung beim Delegieren? Was braucht es, damit der unsichtbare Teil auch wirklich übernommen werden kann? Trauen sich Menschen in meinem Team, selbst Ideen einzubringen und Entscheidungen zu treffen? 

ALLE – Sind Zuständigkeiten und Informationswege so klar, dass Verantwortung dort bleiben kann, wo sie hingehört? Oder landen Themen zwangsläufig wieder bei einzelnen Personen, weil ohne sie niemand entscheiden kann? 


Vielleicht ist genau das die Frage, die nach diesem Urlaub bleibt: Auf welcher dieser drei Ebenen würde sich für dich gerade am meisten verändern, wenn du genauer hinschaust? 

Wenn du herausfinden möchtest, auf welcher dieser drei Ebenen bei dir gerade der größte Hebel liegt, hilft dir der kostenlose Selbstcheck „Die unsichtbare Last der Verantwortung“ mit neun Fragen bei einer ersten Orientierung.




Quellen


Sonnentag, S. (2018). The recovery paradox: Portraying the complex interplay between job stressors, lack of recovery, and poor well-being. Research in Organizational Behavior, 38, 169–185. https://doi.org/10.1016/j.riob.2018.11.002 


Sonnentag, S., & Fritz, C. (2007). The Recovery Experience Questionnaire: Development and validation of a measure for assessing recuperation and unwinding from work. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204–221. https://doi.org/10.1037/1076-8998.12.3.204 


Sonnentag, S., & Fritz, C. (2015). Recovery from job stress: The stressor-detachment model as an integrative framework. Journal of Organizational Behavior, 36(S1), S72–S103. https://doi.org/10.1002/job.1924 




 
 
 

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